Spiritualität
Die grundlegenden Dimensionen des kapuzinischen Lebens
Gebet
Das Leben der Kapuziner vereint Kontemplation und Aktion in einem täglichen Rhythmus, der die Zeit zwischen der Betrachtung und dem apostolischen Einsatz weise abwechselt. So ist ihr ganzes Leben vom apostolischen Geist durchdrungen und alles apostolische Handeln vom Geist des Gebets geprägt. Das betrachtende Gebet ist die geistliche Lehrmeisterin der Kapuziner: In der Tradition des Ordens ist das Gebet affektiv und eine Herzensangelegenheit, gelebt als ein Atemzug der Liebe, der aus der Regung des Heiligen Geistes entspringt, das Herz für die Stimme Gottes öffnet und zur innigen Erfahrung des lebendigen Gottes führt. Im Gebet lernt der Kapuziner, aus der Eigenliebe herauszutreten, um in der Liebe Christi zum Wohle aller Menschen zu leben. Entflammt von der Liebe Christi, betrachtet er ihn in der Demut der Menschwerdung und des Kreuzes, um seinen Spuren in dieser Welt zu folgen.
„Immer wollen wir in uns eine Wohnung und bleibende Herberge bereiten ihm, der der Herr, der allmächtige Gott ist, Vater und Sohn und Heiliger Geist.“ (Hl. Franziskus, Nicht bullierte Regel, FF 61)
„Hüten wir uns sehr vor der Arglist und der Schlauheit Satans, der will, dass der Mensch seinen Geist und sein Herz nicht auf den Herrn, seinen Gott, gerichtet hält.“ (Hl. Franziskus, Nicht bullierte Regel, FF 59)
„Die Brüder sollen den Geist des heiligen Gebetes und der Hingabe nicht auslöschen, dem alle übrigen zeitlichen Dinge dienen müssen.“ (Hl. Franziskus, Bullierte Regel, FF 88).
Brüderlichkeit
Die Kapuziner leben nicht als Einzelpersonen, sondern vereint in Brüderlichkeit. Als Brüder, die einander vom Herrn geschenkt und mit unterschiedlichen Gaben ausgestattet wurden, nehmen sie einander mit Dankbarkeit an. Deshalb sind sie, wo immer sie im Namen Jesu versammelt leben, ein Herz und eine Seele im ständigen Streben nach größerer Vollkommenheit. Sie lieben einander von ganzem Herzen, tragen die Fehler und Lasten des anderen und üben sich unaufhörlich in der Liebe zu Gott. Als Kinder eines einzigen Vaters fühlen sie sich als Brüder aller Menschen, ohne jegliche Diskriminierung. Indem sie allen Geschöpfen in brüderlichem Geist begegnen, bringen sie Gott, der Quelle alles Guten, beständig das Lob der Schöpfung dar. Sie fördern echte brüderliche Beziehungen zwischen Menschen und Völkern, damit die Welt als eine einzige Familie unter dem Blick des Schöpfers lebe.
„Und ein jeder liebe und nähre seinen Bruder, wie die Mutter ihren Sohn liebt und nährt, in jenen Dingen, in denen Gott ihm die Gnade geben wird.“ (Hl. Franziskus, Nicht bullierte Regel, FF 32)
„Ein jeder offenbare dem anderen vertrauensvoll seine Not; denn wenn die Mutter ihren leiblichen Sohn nährt und liebt, wie viel sorgsamer muss einer seinen geistlichen Bruder lieben und nähren?“ (Hl. Franziskus, Bullierte Regel, FF 91)
„Alle Brüder sollen keinerlei Macht oder Herrschaft haben, besonders nicht unter sich.“ (Hl. Franziskus, Nicht bullierte Regel, FF 19).
Armut
Die Kapuziner leben in Genügsamkeit, frei vom Überflüssigen. Wie der heilige Franziskus sind sie erfüllt von Staunen über die Schönheit Gottes, die Demut, Geduld und Sanftmut ist und sich in der Demut der Menschwerdung und in der Liebe des Leidens offenbart. Verliebt in den armen und demütigen Christus, machen sie sich die Entscheidung für die Armut zu eigen, um dem nackten gekreuzigten Herrn nackt zu folgen. Das evangelische Ideal der Armut führte Franziskus zur Demut des Herzens und zur radikalen Enteignung seiner selbst, zum Mitgefühl mit den Armen und Schwachen und zum Teilen ihres Lebens. In herzlicher Verbundenheit mit der Intuition ihres Gründers wünschen die Kapuziner, als Pilger und Fremde in dieser Welt der Armut des Herrn Jesus Christus in Einfachheit des Lebens und froher Strenge, in unermüdlicher Arbeit, im Vertrauen auf die Vorsehung und in der Liebe zu den Menschen zu folgen.
„Die Brüder sollen sich nichts aneignen, weder Haus noch Ort noch irgendeine andere Sache. Und wie Pilger und Fremde in dieser Welt, die dem Herrn in Armut und Demut dienen, mögen sie voll Vertrauen um Almosen gehen; und sie brauchen sich nicht zu schämen, denn der Herr hat sich für uns in dieser Welt arm gemacht.“ (Hl. Franziskus, Bullierte Regel, FF 90)
„Geben wir dem Herrn, dem höchsten und erhabensten Gott, alle Güter zurück und erkennen wir an, dass alle Güter sein sind, und sagen wir ihm für alles Dank, von dem alles Gute ausgeht.“ (Hl. Franziskus, Nicht bullierte Regel, FF 49)
„Seht, Brüder, die Demut Gottes und öffnet vor ihm eure Herzen; demütigt auch ihr euch, damit ihr von ihm erhöht werdet. Behaltet also nichts von euch für euch zurück, damit euch ganz und gar aufnehme, der sich euch ganz und gar hingibt.“ (Hl. Franziskus, Brief an den gesamten Orden, FF 221).
Mindersein (Minorität)
Die Kapuziner streben nicht danach, über anderen zu stehen oder hohe Positionen einzunehmen, sondern sie wollen „Minderbrüder“ sein, unterhalb jeder Machthierarchie, fernab von der Logik der Welt, des Besitzes, der Macht und der Selbstdarstellung. Der Sohn Gottes, ihr Vorbild und Führer, ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben für das Heil aller hinzugeben. Seine Herablassung setzt sich im Sakrament der Eucharistie fort, wo er sich jeden Tag demütigt und in bescheidener Gestalt zu den Menschen kommt. Deshalb wollen die Kapuziner den Weg der Demut gehen, den Christus und sein Diener Franziskus ihnen gewiesen haben. Gerne leben sie ihr brüderliches Leben in großer Nähe zum Volk und besonders zu den Armen, wobei sie deren Nöte und ihre bescheidene Lage mit großer Liebe teilen. Während sie ihnen in ihren materiellen und geistlichen Bedürfnissen zu Hilfe kommen, setzen sie sich mit ihrem Leben, ihrem Handeln und ihrem Wort für deren menschliche und christliche Förderung ein.
„Als ich noch in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen; und der Herr selbst führte mich unter sie, und ich erwies ihnen Barmherzigkeit. Und als ich von ihnen wegging, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit des Geistes und des Leibes verwandelt. Und danach blieb ich eine kurze Weile und verließ die Welt.“ (Hl. Franziskus, Testament, FF 110)
„Alle Brüder sollen sich bemühen, der Demut und Armut unseres Herrn Jesus Christus zu folgen… Und sie müssen sich freuen, wenn sie unter einfachen und verachteten Leuten weilen, unter Armen und Schwachen, Kranken und Aussätzigen und unter den Bettlern am Wege.“ (Hl. Franziskus, Nicht bullierte Regel, FF 29)
„Niemals dürfen wir danach verlangen, über anderen zu stehen, sondern wir müssen vielmehr Diener und allen menschlichen Geschöpfen untertan sein um Gottes willen.“ (Hl. Franziskus, Brief an die Gläubigen, FF 199).
Verkündigung des Evangeliums
Das erste Apostolat des Kapuzinerbruders besteht nicht darin, große, majestätische und klangvolle Werke zu vollbringen, sondern in der Welt das evangelische Leben in Wahrheit, Einfachheit und Freude zu leben. Die Kapuziner begegnen allen mit Wertschätzung und Respekt und bieten stets ihre Bereitschaft zur Begegnung, zum Zuhören und zum Dialog an. Sie wünschen sich, dass das Wort Gottes in ihr Herz eingeprägt sei, damit nicht mehr sie leben, sondern Christus in ihnen lebe und sie aus dem Überfluss der Liebe heraus zum Sprechen gedrängt werden. So verkünden sie Christus vor allem durch ihr Leben und ihre Werke und, wenn es dem Herrn gefällt, auch durch das Wort. Sie sind bereit für die Mission, die Botschaft des Evangeliums zu allen Menschen in der Nähe und in der Ferne zu tragen, damit jeder Mensch die frohe Botschaft des Evangeliums hören, sich von Gott unendlich geliebt wissen und auf den Ruf Gottes antworten kann, indem er seine Berufung zur Liebe in Fülle verwirklicht.
„Da ich der Diener aller bin, bin ich verpflichtet, allen zu dienen und die wohlriechenden Worte meines Herrn zu verwalten.“ (Hl. Franziskus, Brief an die Gläubigen, FF 180)
„Alle Brüder sollen durch ihre Werke predigen.“ (Hl. Franziskus, Nicht bullierte Regel, FF 46)
„Hüten wir uns vor der Weisheit dieser Welt und vor der Klugheit des Fleisches. Der Geist des Fleisches will nämlich viel an Worten besitzen und sich darum kümmern, aber wenig an Taten; und er sucht nicht die innere Frömmigkeit des Geistes, sondern will und begehrt eine Frömmigkeit, die nach außen vor den Menschen erscheint.“ (Hl. Franziskus, Nicht bullierte Regel, FF 48)